Be inspired by Frankenpower
Be inspired by Frankenpower

Bamberg, Altes Rathaus

Rothenburg ob der Tauber, Plönlein

Gößweinstein,

Burg

Bad Windsheim, Freilandmuseum

Pommersfelden, Schloss Weißenstein

Tüchersfeld in der Fränkischen Schweiz

Iphofen, Rödelseer Tor

PROLOG

 

Das grässliche, furchterregende Monster war tot. Daran bestand kein Zweifel. Da war kein Zucken mehr in der Bestie, nicht das geringste Lebenszeichen. Ihr mächtiger, blutgefüllter Hinterleib war von einer kolossalen Kraft regelrecht zerquetscht worden. Eine rote, breiige Masse war das Einzige, was davon übrig blieb. Dennoch, es herrschte immer noch Leben in ihm. Ein total quirliges Leben, voller mysteriöser Aktivitäten. Abertausende tödlicher Nairoviren tummelten sich in einem wilden Durcheinander in dem blutigen Brei der zerquetschten Kreatur. Sie waren immer noch in der Lage Tod und Schrecken zu verbreiten und in den Körper eines gesunden Lebewesens einzudringen, um es mit dem gefährlichen Krim-Kongo-Fieber zu infizieren. Der Kontakt mit einer winzigen offenen Wunde würde bereits genügen.

   Der Kopf der toten Kreatur war trotz der heftigen Attacke nahezu unverletzt geblieben. Die Mundwerkzeuge der Bestie waren bestens dafür geschaffen, die Haut ihrer Opfer auf äußerst brutale Weise aufzureißen. Im Vergleich dazu sahen die rasiermesserscharfen Zähne des Weißen Hais aus wie die Milchzähne eines zweijährigen Kindes. Die Gnathosoma, der Mundbereich der Bestie, war ein wirksames Instrument, um die unermessliche Blutgier der Kreatur zu stillen. Da standen, links und rechts des Kopfes, die beiden keulenartigen Pedipalpen hervor. Sie dienten dem Ungeheuer zum Ertasten ihrer bedauernswerten Opfer. Aus der Mitte ragte der gewaltige Stechrüssel, das sogenannte, zungenförmige Hypostom, welcher an seinem Ende mit einer Vielzahl grässlich spitzer Widerhaken besetzt war. Er war links und rechts von zwei Kieferklauen eingerahmt, die an ihren Enden mit rasiermesserscharfen Zähnen bestückt waren. Ihre Aufgabe war es, nachdem sich die Kreatur an ihr Opfer gekrallt hatte, die Haut der Beute zu durchdringen, um den mächtigen Stechrüssel ungehindert in die offene Wunde zu stoßen und sich an dem warmen Blut zu laben.

   Der Mann rückte von seinem Elektronen-Mikroskop ab. Ein teuflisches Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Er hatte genug gesehen. Er war höchst zufrieden. Genüsslich hatte er in den letzten zehn Minuten den zerquetschten Hinterleib der Hyalomma-Zecke durch sein Mikroskop betrachtet. Doch nicht der übel zugerichtete Körper der toten Zecke war es, der seine ungeteilte Aufmerksamkeit erregte. Den winzigen, tödlichen Nairoviren, welche immer noch in dem blutigen Brei herumzuckten, galt sein Interesse. Er konnte sie eindeutig ausmachen. Sie sahen aus, wie kleine, stachelige, heranreifende Früchte des Kastanienbaumes. Selbst die Farbe passte: winzige, verlässliche, grüne Killer, welche das häufig tödlich verlaufende Krim-Kongo-Fieber auslösten.

   Sein siebentägiger Ausflug in die Nähe von Antalya hatte sich gelohnt. Als er im Mai 2012 vom plötzlichen Tod der vier Landarbeiter und des türkischen Hirten las und die Hintergründe ihres überraschend schnellen Ablebens begriff, buchte er ad hoc eine einwöchige Pauschalreise nach Belek, an der Küste der türkischen Riviera, und wurde, wie fünfzehn andere fränkische Pauschalreisende, in dem All-Inclusive-Ferienressort Limak Arkadia einquartiert. Während die anderen Feriengäste in der darauf folgenden Woche den Strand, die Poolanlagen und die anderen Annehmlichkeiten der Ferienanlage genossen und sich in der Sonne aalten, mietete der Mann für die ganze Woche einen Wagen und unternahm Tagesausflüge in das Landesinnere. Er hatte Interessen ganz anderer Natur. Am dritten Tag besuchte er das Gebiet rund um die Stadt Elmali, in welchem sich die vier Landarbeiter und der Hirte mit den Nairoviren infiziert hatten und in Folge dessen an ihren inneren Blutungen verstorben waren. Sie waren von Hyalomma-Zecken gestochen worden, welche die tödlichen Krim-Kongo-Fieber-Viren in sich trugen. So jedenfalls berichtete im Mai die internationale Presse. Nun, am dritten Tag nach seiner Ankunft, stand er trotz der Mittagshitze mit hochgeschlossener Kleidung mitten in einem ansteigenden Olivenhain, dessen Grund und Boden mit kargen Grasbüscheln bewachsen war. Zwischen den Bäumen graste eine Herde hungriger Schafe, welche auf dem ausgetrockneten steinigen Hang auch noch das letzte Grün gierig in sich hineinfraßen. Der Mann wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stach mit voller Kraft. Vor ihm stieg der mächtige, 3086 Meter hohe Kizlar Sivrisi Tepesi des West-Taurus-Gebirges an. In der Ferne glitzerte das sonnenbeschienene, tiefblaue Wasser der türkischen Riviera am Horizont. Doch die Naturschönheiten interessierten den Mann nicht. Er war im Moment zu aufgeregt, um die herrliche Landschaft zu genießen. Adrenalin durchströmte seine Blutbahnen wie ein schnell dahin fließender Gebirgsbach. Vor ihm, am Ende eines langen Grashalms, saß eine Hyalomma-Zecke. Sie hatte die beiden Vorderbeine weit von sich gestreckt, um sich jederzeit an einem der vorbei kommenden Schafe festzuklammern. Der Mann griff aufgeregt in seine Umhängetasche und holte ein kleines Schraubglas hervor. Vorsichtig streifte er die Zecke in das Glas. Es sollte nicht die Einzige bleiben, welche er an diesem Tag einsammelte. Nun musste sich nur noch bestätigen, dass die winzigen Insekten auch tatsächlich die tödlichen Viren in sich trugen, welche sie von den weidenden, infizierten Huftieren aufgenommen hatten. Die anschließenden Tests, welche er mit seiner mitgebrachten Ausrüstung in den nächsten beiden Tagen auf seinem Hotelzimmer durchführte, ergaben, dass er fündig geworden war. Er hatte die Nairoviren entdeckt. Die kleinen Zecken, welche er im Schweiße seines Angesichtes eingesammelt hatte, waren voll davon. Er hatte einen Glückstreffer gelandet. Verwunderlich, dass die Hyalomma-Zecken bereits bis in das Gebiet um Antalya vorgedrungen waren. Normalerweise kamen sie in viel südlicher gelegenen Regionen vor. Aber, wie die sogenannten Experten in den Medien ausführten, der fortschreitende Klimawechsel bestätigte auch an solchen Beispielen seine Auswirkungen. Ihm war das egal. Ganz im Gegenteil, er hatte gefunden, was er suchte. Nun konnte er seinen perfiden Plan in die Tat umsetzen: mordende Zecken. Für seine Verbrechen, die er seit langem plante, musste er sich die eigenen Hände nicht mehr schmutzig machen. Er hatte vor, morden zu lassen. Wie einfach und bequem! Seine kleinen, blutgierigen Freunde würden das für ihn übernehmen. Das perfekte Verbrechen. Dennoch, alles musste noch bis ins kleinste Detail vorbereitet werden. Er hatte Zeit. Bloß nichts übers Knie brechen. Die Zeit lief ihm nicht davon. Er würde erst einen Test durchführen. Einen Probe-Mord sozusagen. Ein wichtiger Test, und ein nützlicher zugleich. Das erste Opfer hatte er längst ausgesucht. Er kicherte diabolisch vor sich hin. Alles würde klappen. Davon war er überzeugt. Er würde sich zuerst von der tödlichen Wirkung der kleinen, stacheligen, grünen Killerviren überzeugen, bevor es zur eigentlichen Sache ging. Vorsichtig ist die Mutter der Porzellankiste. Er war sehr zuversichtlich, dass alles so kommen würde, wie er sich das vorstellte. Das Schöne war, es gab noch kein wirksames Gegenmittel gegen die kleinen Killerviren. Die Medizin war noch nicht so weit. Herrlich!

   Gedankenvoll betrachtete er das riesige, zweckentfremdete Aquarium, welches auf einem Sideboard seines Arbeitszimmers stand. Er hatte den Boden mit Blumenerde aufgefüllt und eine Mini-Wiese angesät, welche er regelmäßig goss. Gelbe Butterblumen blühten in dem Gefäß. Selbst der Sauerampfer gedieh. Die klimatischen Verhältnisse in dem Glasgefäß sollten immer schön feucht-warm sein. Das gefiel seinen blutgierigen Lieblingen. Er konzentrierte seinen Blick auf die Grashalme. Dort saßen sie, seine infizierten kleinen Killer mit den rot-gelben geringelten Beinen, und vermehrten sich fleißig. Einige von ihnen hatten einen dicken Hinterleib, vollgesogen mit Meerschweinchenblut.

   Geistesabwesend griff er in einen Käfig, der auf dem Fensterbrett stand. Darin züchtete er die kleinen, possierlichen Nager, welche vorübergehend als Nahrungsquelle für seine blutgierigen Minimonster herhalten mussten. Er griff sich eines der Tiere. Es hatte ein wunderschönes, zotteliges braun-weißes Fell und sah ihn mit seinen dunklen Knopfaugen ängstlich an. Dann hob er den Deckel, welchen er über das Aquarium gelegt hatte, kurz an und setzte das Meerschweinchen auf der kleinen Wiese aus. Seine kleinen Zecken hatten stets einen unbändigen Blutdurst. Es sollte ihnen gut gehen. "Vermehrt euch! Ich habe noch Großes mit euch vor", raunte er ihnen leise zu, bevor er das Aquarium wieder abdeckte.