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Prolog

 

25. April, 1999. Zhongnanhai, Peking

 

Das weitläufige Regierungszentrum Zhongnanhai lag ruhig im Morgenlicht der aufgehenden Sonne, nur einen Steinwurf von Pekings Verbotener Stadt entfernt. In der riesigen, ummauerten Anlage zwitscherten die Vögel und begrüßten den neuen Tag. Die verstreut liegenden Regierungsgebäude duckten sich im Schatten der hohen Bäume, während sich die ersten Sonnenstrahlen in den leicht kräuselnden Wellen des Nanhai und des Zhonghai Sees brachen und auf der Wasseroberfläche wie ein Meer hell leuchtender Weihnachtssterne glitzerten. Exotische Enten gründelten ohne Hast an den Ufern und suchten sich ihre erste Nahrung an diesem warmen Aprilmorgen. Wie immer wurden die Mauern und Tore, die das Areal umgaben, von chinesischen Elitesoldaten schwer bewacht, denn Zhongnanhai war das Hauptquartier der Kommunistischen Partei Chinas. Innerhalb des Geländes schlug und pulsierte das Herz der Volksrepublik, was Zhongnanhai zu einem der größten Machtzentren dieser Erde erhob. Am Haupteingang, im Süden des Areals, dort, wo die stark befahrene West Chang'an Avenue vorbeiführte, waren starke Armeekräfte konzentriert. Ganz besonders heute, denn die Kommunistische Partei erwartete, dass es ein besonderer Tag werden würde, ein Tag der möglicherweise in die Geschichte des Landes eingeht. In militärischer Tarnfarbe gestrichene Mannschaftstransportwagen spuckten zu diesen frühen Morgenstunden bereits ein Heer schwer bewaffneter Polizisten aus. Die Uniformierten verteilten sich weitläufig rund um die Anlage und befolgten die laut gerufenen Befehle ihrer Vorgesetzten. Den Haupteingang, das Tor des neuen China zierten Parolen der Partei. "Lang lebe die Kommunistische Partei", war dort zu lesen, und "Lang leben die unbesiegbaren Mao Zedong Ideen".

  Die kommunistischen Führer Chinas richteten sich an diesem Tag auf Tausende von Demonstranten ein. Nichtsnutzige Falun-Gong-Anhänger. In den Augen der Politiker eine volksverhetzende Sekte, deren Anführer, Li Hongzhi, nach Queens, N.Y., geflohen war, um von dort, aus den fernen USA, gegen die Kommunistische Partei zu hetzen. Insofern war es nur rechtens, diese Sekte öffentlich zu diffamieren und mit strenger Hand für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Nun kamen die ersten dieser Aufwiegler und Volksverhetzer herangezogen, die sich für eine traditionelle, buddhistische Qigong-Schule hielten, in der Absicht, Petitionen einzureichen, um ihre sogenannten Rechte auf Glaubensfreiheit einzufordern. Von wegen Rechte, einzig und allein die Partei bestimmte, was als Recht und Ordnung galt. Sollten sie doch kommen und demonstrieren, es würde ihnen nichts helfen. Doch so einfach war die ganze Angelegenheit nun auch wieder nicht. Das war den Führeren der KPCh klar. Die Situation barg eine gewisse Brisanz in sich, je nachdem, wie sich die Lage entwickeln würde. Noch zu frisch waren in den Köpfen der kommunistischen Kader die Ereignisse, die sich zehn Jahre vorher, 1989, am Tiananmen-Platz und in den Straßen der Hauptstadt zugetragen hatten, als die Panzer der ruhmreichen Volksbefreiungsarmee eine studentische Protestbewegung blutig niederwalzten. So weit wie damals dürfte es heute nicht kommen! So weit w ü r d e  es nicht kommen, denn die Regierung hatte diesmal vorgesorgt. Hunderte von Demonstranten hatten sich zwischenzeitlich um das Petitionsbüro versammelt, um ihre Anträge auf Glaubensfreiheit einzureichen, und von Minute zu Minute wuchs ihre Menge an. Die Polizisten reagierten zurückhaltend und baten die Demonstranten, sich weitläufig um die Anlage zu verteilen. Zur Mittagszeit hatten sich bereits mehr als 10.000 Falun-Gong-Anhänger versammelt, die von den Polizisten weiterhin geschickt rund um das Gebiet von Zhongnanhai aufgeteilt wurden. Das war es, was die kommunistischen Machthaber wollten: Der Sitz der chinesischen Regierung umringt und bedroht von tausenden von gewaltbereiten Demonstranten. So lautete die offizielle Berichterstattung in den Medien. Man brauchte diese Bilder, für das eigene Volk und für die Weltöffentlichkeit. Die Demonstranten aber standen still, geduldig und friedlich in den Straßen, rund um den Regierungssitz. Am späten Nachmittag empfing Premierminister Zhu Rongji eine Abordnung der Falun-Gong-Bewegung und hörte sich ihre Forderungen an. "Ich werde mich dafür einsetzen, dass eure Bewegung als rechtmäßig und friedlich anerkannt wird", versprach er der Abordnung. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese erfreuliche Nachricht durch die Reihen der Abertausenden, die friedlich in den Straßen um Zhongnanhai standen und in aller Stille um ihre Rechte kämpften. Unmittelbar, nachdem die regierungsamtliche Zusage jeden der Demonstranten erreicht hatte, löste sich die Menge ruhig und geordnet auf und die Menschen gingen nach Hause. Die Welt außerhalb Chinas, welche die Szenen am Bildschirm ihrer Fernsehgeräte verfolgt hatte, atmete auf. Niemand konnte sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, dass das Schicksal von Falun Gong längst besiegelt war.

  Es war am 16. März, gerade mal 40 Tage vor der friedlichen Demonstration, als Zhang Zemin, der Führer der Kommunistischen Partei und Staatspräsident Chinas, sowie Premierminister Zhu Rongji mit den sieben anderen Mitgliedern des Ständigen Ausschusses des Politbüros zusammensaßen, um eine leidige und lästige Angelegenheit aud der Welt zu schaffen. "Und ich sage euch, liebe Parteifreunde, es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als diese Falun-Gong-Bewegung mit aller Härte zu zerschlagen, auch wenn ihr immer noch Bedenken habt. Erinnert euch, sie haben in wenigen Jahren mehr als einhundert Millionen Anhänger rekrutiert, mehr Menschen, als die ruhmreiche Kommunistische Partei Mitglieder hat. Wollen wir und das gefallen lassen? Glaubt mir, von der Meditation zur Politik ist es nur ein kleiner Schritt. Mir liegen nun eindeutige Beweise vor", belog Zhang Zemin seine Parteigenossen und rückte seine große Brille zurecht, bevor er enthusiastisch weitersprach, "unser militärischer Geheimdienst hat einen Brief dieses Volksverhetzers Li Hongzhi an seine Basis abgefangen, worin er alle Falun-Gong-Gläubigen auffordert, ihre Menschenmassen gegen die Kommunistische Partei Chinas zu mobilisieren, um unser politisches System zu stürzen. Das wollen, und das dürfen wir nicht zulassen. Jede Bewegung, welche die absolute Machterhaltung der Kommunistischen Partei gefährdet, oder zu gefährden droht, muss mit den allerschärfsten Mitteln bekämpft werden. Deswegen, liebe Führer der Kommunistischen Partei Chinas, sage ich euch, wir werden Falun Gong verfolgen, wir werden sie, wo immer wir sie aufgreifen, verhaften und wir werden sie physisch vernichten. Es war ein Fehler, dass wir diese Sekte früher gefördert und unterstützt haben. Sie haben unsere Gutmüdigkeit schamlos und skrupellos ausgenützt, haben sich wie die Schmeißfliegen vermehrt und drohen nun über uns herzufallen. Mit ihrer bisher gezeigten, falschen Friedfertigkeit verhalten sie sich wie ein Wolf im Schafsfell. Seid ihr mit mir einer Meinung, dass es endlich an der Zeit ist, unsere übermäßige Geduld mit ihnen abzulegen und die starke, alles zerschmetternde Faust der Kommunistischen Partei hervorzukehren? Habe ich eure Unterstützung?" Acht besorgte Gesichter waren auf Zhang Zemin gerichtet. Die Worte ihres Vorsitzenden hinterließen bei ihnen einen besorgten Eindruck. "Du hast unsere vollste Unterstützung, Zhang", sicherte ihm Zhu Rongji zu. "Dass Li Hongzhi, dieser Verbrecher, Anhänger zum Aufruhr angestiftet hat, entzog sich unserer Kenntnis. Unseren Militärs gebührt große Lob, dass es ihnen gelungen ist, den Brief diese Volksverhetzers abzufangen." "Gut, ich danke euch Genossen, und freue mich, dass ihr die lästige Angelegenheit genauso beurteilt, wie ich. Nachdem dies nun geklärt ist, werde ich mich persönlich der Sache annehmen, und mit den anderen Genossen unseres Politbüros reden."

  Am 10. Juni 1999 wurde auf Anordnung von Zhang Zemin eine geheime,, machtvolle Polizeiorganisation gegründet, die später "Büro 610" genannt wurde. Sie hatte nur eine Aufgabe: Falun-Gong-Praktizierende zu verfolgen, zu verhaften, und in Gefängnissen und Arbeitslagern "umzuerziehen", bzw. falls nötig, zu eliminieren. Einen Monat später, am 20. Juli 1999, wurde Falun Gong offiziell verboten und die bereits eingeleitete Verfolgung gnadenlos intensiviert. Durch eine groß angelegte Kampagne wurde die Bevölkerung angehalten, Falun-Gong-Anhänger zu denunzieren. "Kopfprämien" wurden ausgelobt. Für Hunderttausende Falun-Gong-Anhänger begann ein dauerhafter Leidensweg, der in die Gefängnisse und Zwangsarbeitslager des Landes führte. Sie unterlagen fortan unvorstellbaren physischen und psychischen Folterungen, voller grausamer Verhörmethoden und drakonischer Strafanwendungen, welche nicht selten zum Tode führten.