Be inspired by Frankenpower
Be inspired by Frankenpower

Bamberg, Altes Rathaus

Rothenburg ob der Tauber, Plönlein

Gößweinstein,

Burg

Bad Windsheim, Freilandmuseum

Pommersfelden, Schloss Weißenstein

Tüchersfeld in der Fränkischen Schweiz

Iphofen, Rödelseer Tor

Ni hao Shanghai

 

Angekommen

 

"Guten Morgen, meine Damen und Herren, liebe Fluggäste, hier spricht Ihr Kapitän. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nachtruhe. In wenigen Minuten wird Ihnen unser Bordpersonal ein ausgiebiges Frühstück servieren. Zur Zeit befinden wir uns im Luftraum, in der Nähe der chinesischen Hauptstadt Peking. Für die verbleibende Flugzeit ist ruhiges Wetter vorhergesagt, sodass wir unseren Zielflughafen Shanghai Pudong pünktlich erreichen werden. Über die weitere Reiseroute und die Wetterverhältnisse in Shanghai wird Sie unser erster Offizier, Herr Windhusen, noch gesondert informieren. Ich wünsche Ihnen noch einen weiteren angenehmen Aufenthalt bei uns an Bord."

"Good morning, ladies and gentlemen, dear guests, this is your Captain speaking .."

Wir - meine Frau Annemarie, unsere beiden Töchter Sabrina und Miriam, und ich - befinden uns an Bord des Lufthansa-Fluges LH 728, auf dem Weg von Frankfurt am Main nach Shanghai.

Es ist acht Uhr morgens, chinesische Ortszeit. Vor ca. achteinhalb Stunden, am 07. August 2005, sind wir in Frankfurt, von der Startbahn West, in Richtung Osten, mit dem Reiseziel Shanghai gestartet. Rückflugtickets haben wir nicht dabei, dafür erstrahlt in meinem Reisepass ein nagelneues, chinesisches "resident-Visum".

Shanghai, unser temporärer Wohnsitz für, zumindest, die nächsten drei Jahre! Arbeitsplatz für mich, Schulort für unsere Kinder und, ja was wohl für meine Frau? Wird Shanghai für uns - zumindest vorübergehend - so etwas Ähnliches wie eine zweite Heimat, eine Stadt, in der wir uns wohlfühlen, oder möchten wir nach wenigen Wochen Shanghai am liebsten wieder fluchtartig verlassen? Wir wissen es nicht, oder besser gesagt n o c h  nicht.

Wie werden die Kinder an der Deutschen Schule zurechtkommen? Werden sie schnell neue Freunde finden? Wird der Integrationsprozess reibungslos funktionieren? Finden wir einen Lateinlehrer für Sabrina? Wie wird meine Frau mit der Situation zurechtkommen, den ganzen Tag alleine zu Hause? Findet sie schnell Anschluss im Kreis der anderen "expatriats"? Werde ich beruflich oft unterwegs sein? Wie kommen wir mit dem chinesischen Essen zurecht und - vor allem mit den Chinesen selbst? Hat die Firma bereits einen englisch sprechenden Fahrer für mich gefunden?

Wie wird die Umstellung von einer verschlafenen, fränkischen 5000-Seelen Gemeinde, mit sauberer Luft, naheliegenden Wäldern, heimeligen Bierkellern, netten Nachbarn, und, und, und ..., auf eine 17 Millionen Metropole, mit fremder Kultur, smoghaltiger Luft, verstopften Straßen, weiten Wegen und vor allem Einheimischen, die größtenteils der englischen Sprache nicht mächtig sind, gelingen?

Fragen über Fragen, Ungewissheiten ohne Ende! Die Gedanken in meinem Kopf purzelten durcheinander.

Wie kamen wir - vier sesshafte, fränkische Urgewächse - eigentlich dazu, uns in dieses verdammte Flugzeug zu setzen? Warum haben wir unsere persönlichen Sachen, wie Kleidung, Geschirr, Bücher usw., schon vorausgeschickt? Vor allem, wie konnte ich so leichtfertig dem firmenseitigen Druck nachgeben und mich für mindestens drei Jahre nach Shanghai versetzten lassen - und das im Alter von 55 Jahren? Nur, weil meine Firma mich unbedingt in China haben wollte, weil man mir nachsagt, ich "könne es gut" mit chinesischen Geschäftspartnern und würde von ihnen akzeptiert.

Na ja, sicherlich, da gab es einige Großprojekte, die wir unter meinem Zutun gewonnen haben, ja, den Kooperations- und Know-How Transfervertrag habe ich maßgeblich mitverhandelt, aber deswegen muss man mich doch nicht gleich nach China versetzen! Ich könnte doch genauso, wie bisher, auf Geschäftsreisen hierher kommen, wäre doch kein Problem! Schäbig von der Firma, einem einfach die Pistole auf die Brust zu richten, richtiggehend erpresserisch (... der Bereichsvorstand möchte, dass Sie sich endlich entscheiden, ansonsten ...)!

Oder war vielleicht doch der finanzielle Anreiz ausschlaggebend dafür, dass wir jetzt in diesem Flugzeug sitzen? Wer lehnt schon leichtfertig ein um 30% höheres Jahresgrundgehalt ab, dazu leicht erreichbare Bonusziele, wohlgemerkt steuerbefreit in Deutschland, großes Haus in Shanghai, dazu Audi A 6, mit eigenem Fahrer? Miete, Schulgebühren, Auto, Lateinlehrer für Sabrina, alles bezahlt die Firma. Ein kleiner Teil des Gehalts - notwendig für Lebensmittel, Kleidung, und Sonstiges - wird in lokaler Währung ausbezahlt, der Rest wird steuerfrei auf das Gehaltskonto in Deutschland überwiesen. Nicht schlecht! Ach was, drei Jahre gehen schnell vorbei!

Natürlich ist es ein gewaltiger Unterschied, ob man für eine oder zwei Wochen in den Shangri-La's, Hiltons, Maritims, oder Holiday-Inns dieses Landes übernachtet und dann wieder nach Hause fliegt, oder, ob man mit Mann und Maus umzieht, um einen eigenen Hausstand in der Metropole des 21. Jahrhunderts zu gründen.

Mein Kopf qualmte. Die Gedanken darin gerieten erneut durcheinander. Dann schlief ich wieder ein.

Höflich und freundlich wurde ich von einer netten Stewardess geweckt und gebeten, meine Stuhllehne wieder in eine aufrechte Position zu bringen und mich anzuschnallen, wir befänden uns bereits im Landeanflug auf den internationalen Flughafen Pudong und würden in circa 20 Minuten landen.

Die Passkontrolle war schnell erreicht. Noch schlaftrunken stammelte ich ein kurzes "Xie, Xie", als der Zollbeamte mir meinen abgestempelten Reisepass zurückgab. Zu viert eilten wir auf eine Rolltreppe zu, die nach unten in die Gepäckankunftshalle führte. Kaum am Band neun angekommen, da sah ich sie auch schon, unsere Koffer, einmal schwarz, zweimal rot und einmal blau. Somit waren auch unsere "blinden Passagiere", 500 g Deutsche Markenbutter, dreimal die "Milde Sorte" von Tschibo, die "Haribo Gummibärchen", die in Folie eingeschweißte, ungarische Salami, die Fertigsoßen von Maggi und die fettarme Kalbsleberwurst, im Reich der Mitte angekommen. Wie immer gab es bei der Einreise in Shanghai keine Kofferkontrollen für Ausländer. Zielstrebig schoben wir unsere beiden Gepäckwagen in Richtung Ankunftshalle. Der Geräuschpegel stieg sprunghaft in die Höhe. Menschenmassen drängten sich dort draußen. Einheimische warteten auf die Ankunft von Freunden, Familienmitgliedern, Geschäftspartnern, bzw. Bekannten. "Ni hao"-Rufe, wildes Geschnattere an den Mobiltelefonen, nicht verständliche Lautsprecherdurchsagen, lautstarke Unterhaltungen, alles prallte aufeinander und vermischte sich zu einer Geräuschebene, die einem Schwarm wild gewordener Hornissen zur Ehre gereicht hätte. Dann sah ich, wie inmitten der wild hin- und herwogenden Menschenmasse langsam ein Schild nach oben geschoben wurde. "Mr. Werner Rosenzweig" war darauf zu lesen. Zwei Firmenfahrer waren gekommen, um uns abzuholen, einer für unsere vier Koffer und sonstiges Handgepäck, der andere für uns.

Kaum hatten wir das klimatisierte Flughafengebäude verlassen, waberte uns die feucht-heiße Luft Shanghais entgegen, welche das Atmen zur Anstrengung ausarten ließ. Im Nu bildeten sich Schweißflecken auf meinem Hemd. Selbst die erste Zigarette nach dem langen, interkontinentalen Non-Stop-Flug schmeckte, als ob ich mir einen Reisigbesen angezündet hätte. "Die Luft ist so dunstig", meinte meine Frau. "Das ist kein Dunst", erwiderte ich, "das ist Dreck, richtiger Smog".

Unser Fahrer reihte sich geschickt ein, in den zäh dahinkriechenden Verkehrsstrom zwischen Flughafen und Stadt. "Guck Papa, da liegt eine Lkw-Ladung auf der Gegenfahrbahn", krähte mir Miriam von hinten ins Ohr. Eine Ladung Rohrleitungen hatte sich verselbständigt und lag quer über die Straße verteilt, neben einem uralten, zerbeulten Lkw, der einen Achsbruch erlitten hatte. Schon staute sich der nachfolgende Verkehr in einer kilometerlangen Schlange, begleitet von einem wütenden Hupkonzert. Unser Fahrer grinste und freute sich offensichtlich über das Szenario, welches sich auf der Gegenfahrbahn abspielte und nicht uns betraf.

Plötzlich lag ein kurzes Rauschen in der Luft, als ob ein heftiger Windstoß an uns vorbeibrausen würde. Mit mehr als 400kmh donnerte der Transrapid an uns vorbei und war nach wenigen Sekunden nur noch ein winziger Punkt in der Ferne. "Habt ihr den gebaut?", meinte meine Frau. "Nur einen Teil", gab ich zurück, "den anderen Teil hat die Firma Thyssen geliefert, die ganzen baulichen Maßnahmen haben die Chinesen allerdings selbst ausgeführt."

"Jetzt Kinder, überqueren wir den Huangpu-Fluss, der Shanghai in einen östlichen und einen westlichen Teil trennt. Der westliche Stadtteil nennt sich "Puxi" und der östliche, den wir jetzt verlassen, heißt "Pudong". "Dong" bedeutet so viel wie Osten und "Xi" ist der Westen. Also heißt "Pudong" übersetzt, östlich vom Fluss Pu gelegen." "Und Puxi heißt westlich vom Fluss Pu gelegen", gab Sabrina gelangweilt ihren Senf dazu. "Genau, und dorthin fahren wir jetzt, denn wir werden in Puxi wohnen."

Die weitere Fahrt verlief reibungslos. Jeder hing müde seinen eigenen Gedanken nach, bzw. nahm die ersten Eindrücke der vorüberfliegenden Stadtlandschaft in sich auf. Nach circa einer Stunde Fahrt bogen wir ein in die Auffahrt zu der Wohnanlage "Lakeside Ville", an der Huqingping Gong Lu, im Distrikt Qingpu, ganz weit im Westen der Stadt Shanghai gelegen.

Unser "Real-Estate Agent", Michael Wang, erwartete uns bereits vor der Hofeinfahrt des Hauses Nr. 181. Auch unsere zukünftige Ayi, die chinesische Haushälterin, die wir von unserm Vormieter übernommen hatten, war da und strahlte uns mit ihrem breiten Gesicht an wie ein Honigkuchenpferd. "Ni hao!" "Ni hao!", gaben wir zurück.

Wir waren angekommen in unserem neuen Zuhause. Noch wussten wir nicht, was es uns allen bescheren würde, angekommen in der Stadt Shanghai, der Stadt des Fortschritts, der Stadt über dem Meer.