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Tüchersfeld in der Fränkischen Schweiz

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Korrupt und Mausetot

 

Prolog 

 

Sonntag, 25. Juli 2010

 

Die Sommerhitze hatte an diesem Sonntagmorgen den Morgentau der Wiese längst aufgeleckt. Die Sonne am blauen, wolkenlosen Himmel schickte ihre Strahlen gnadenlos auf den staubigen Feldweg, den seit zwei Wochen kein Regen mehr berührt hatte. Ein Bussard zog über dem nahe gelegenen Wald seine Kreise und ließ sich von den warmen Aufwinden auf die offenen Felder zu treiben, um nach Mäusen Ausschau zu halten. In zwei Kilometern Entfernung riefen die Kirchenglocken die Gläubigen der kleinen fränkischen Gemeinde Röttenbach zum Gottesdienst. Die Wiese hatte sich von ihrem letzten Schnitt, Anfang Juni, bereits wieder kräftig erholt. Hoch stand der Sauerampfer und die Margeriten leuchteten blütenweiß durch das saftige Grün der verschiedenen Gräser. Dort, wo die Wiese an den Wald grenzte, waren prächtige Kornblumen gewachsen und ihre dunkelblau glänzenden Blüten erhoben sich über dem weiß und zartrosa blühenden Wiesenklee. Auch der Klatschmohn reckte sich auf seinen haarigen, dünnen Stängeln der Sonne entgegen und seine feuerroten Blütenblätter bildeten einen harmonischen Kontrast zu den tiefblauen Kornblumen. In der Wiese selbst herrschte ein reges Tierleben. Ameisen suchten nach Pflanzen, die von Blattläusen befallen waren, um sie zu melken. Eine Ringelnatter genoss auf dem sandigen Feldweg, der die Wiese zum Wald hin abgrenzte, ihr Sonnenbad. Nacktschnecken wiederum suchten Schutz vor den sengenden Sonnenstrahlen der Vormittagssonne und verkrochen sich unter den größten und dicksten Blättern, die vom letzten herbstlichen Laubfall noch übrig waren und neben Schatten auch einen Rest an Feuchtigkeit boten.

  Es war mucksmäuschenstill. Nur ab und zu sprang ein Karpfen über die Wasseroberfläche der nahe gelegenen Fischteiche, um wieder klatschend in dem trüben Nass zu verschwinden. Selbst Insekten, die sonst ein beständiges Zirpen von sich gaben, blieben heute stumm. Irgendetwas stimmte nicht an diesem Sonntagmorgen. Irgendetwas war anders als sonst. Auffallend viele Aaskäfer waren an diesem Morgen unterwegs. und strebten, wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen, auf ein bestimmtes Ziel zu. Eine stattliche Anzahl der Sarophaga Camaria, der Grauen Fleischfliegen, flog über die Wiese und hatte das gleiche Ziel wie die Konkurrenz der Aaskäfer.

Dort, wo sie niedergingen, brach der kunstvoll verarbeitete Griff eines aus Silber gefertigten Gaucho-Messers die einfallenden Sonnenstrahlen und warf sie spiegelnd in Richtung des Sonnenstandes zurück. Die siebzehn Zentimeter lange Klinge des Messers war nicht zu sehen. Sie steckte tief in einem leblosen, menschlichen Körper. Rings um die Einstichstelle, genau über dem nun stillstehenden Herzen des Leichnams, machte sich eine Wolke von Schmeißfliegen die besten Plätze streitig, um ihre Eier in die von verkrustetem Blut umgebene, tödliche Wunde abzulegen. Bedingt durch den Mangel an Adenosintriphosphat war der Stillstand des Stoffwechsels bereits vor mehr als zehn Stunden eingetreten und die Hitze trug ebenfalls dazu bei, dass die Totenstarre bereits voll ausgeprägt war. Das Opfer selbst, ein Mann, lag auf dem Rücken, die Beine leicht gespreizt, die Augen geschlossen, die Arme waren am Körper angelegt. Wäre da nicht das Messer gewesen, dessen Griff aus der Leiche ragte, und das viele Blut, welches auf dem sonst blütenweißen Hemd und dem dunkelblauen Jackett getrocknet war, hätte man meinen können, ein früher Spaziergänger würde die morgendliche Sommersonne genießen und hätte sich zu einem kleinen Schläfchen im Freien entschlossen. Aber welcher Spaziergänger trug im freien Feld schon Allen-Edmons Schuhe, "Benton-Chili Black", das Paar für 280 US-Dollar? Auch die Kleidung des Toten, der elegante, dunkelblaue Blazer und die eierschalenfarbene Sommerhose mit den rasiermesserscharfen Bügelfalten, wollten nicht so recht zum Bild eines morgendlichen Spaziergängers passen. Zudem lebte das Opfer mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in einem der nahegelegenen Dörfer. Seine Gesichtszüge waren eindeutig asiatisch geprägt. Ein Laie hätte auf einen Japaner, Mongolen, Chinesen, oder Koreaner getippt. Doch das war den Schmeißfliegen, Aaskäfern und sonstigen Insekten, die sich gewohnheitsgemäß an oder von toten Körpern labten, egal. Da machten sie keinen Unterschied. Rege gingen sie ihrer Arbeit nach.

  Eine dicke, neugierige Krähe, die auf dem Ast einer Lärche am Waldrand saß, wandte ständig den Kopf hin und her und äugte hinab auf das Treiben der Käfer und Fliegen, die sich zu Hunderten auf dem Leichnam tummelten. Dann stieß sie sich von ihrem Ast ab, und glitt mit zwei, drei kräftigen Flügelschlägen hinab in die Richtung, wo der Tote in der prallen Sonne lag.