Be inspired by Frankenpower
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Bamberg, Altes Rathaus

Rothenburg ob der Tauber, Plönlein

Gößweinstein,

Burg

Bad Windsheim, Freilandmuseum

Pommersfelden, Schloss Weißenstein

Tüchersfeld in der Fränkischen Schweiz

Iphofen, Rödelseer Tor

Röttenbach

 

Das erste fahle Sonnenlicht kroch zögerlich über die sanften, bewaldeten Ausläufer des Steigerwalds und erzeugte ein silbriges Glitzern auf den Wasseroberflächen der zahlreichen Karpfenteiche. Feiner Dunst lag über den gespenstisch ruhigen Gewässern und die Reste der Nacht schlichen sich endgültig aus dem hohen Schilfbestand.

  Die Natur schlief noch. Die Blässhühner hielten sich noch zwischen den Rohrkolben versteckt. Auch die Störche, Kormorane und Fischreiher ruhten noch, bevor sie später zur Jagd aufbrechen würden.

  Lediglich der kleine Eisvogel saß bereits auf seinem Lieblingsplatz, einem dünnen Ast einer Erle, welcher weit über die Wasseroberfläche des Stockweihers hinein ragte. Der kleine Vogel richtete seinen spitzen, kräftigen Schnabel und die kleinen dunklen Augen starr auf das Wasser. Sein Bauchfedernkleid schillerte in einem satten Orange in der aufgehenden Sonne. Kopf und Flügel bedeckte ein kräftiges Eisblau. Seine winzigen, roten Füße klammerten sich fest um den dünnen Ast.

  Auf die nahe Staatsstraße 2259, welche die kleine 4800-Seelengemeinde Röttenbach in zwei Hälften zerschnitt brach der werktägliche Berufsverkehr herein.

  Auch die Motoren der großen Lastwägen auf dem Gelände eines großen Zentrallagers liefen warm. In den dicken Bäuchen der Lkws stauten sich die täglichen Auslieferungen. Die Fahrer schlürften das letzte Mal an ihrem Kaffee, rauchten ihre Zigaretten zu Ende und schwangen sich hinter ihr Lenkrad. Dann röhrten die Motoren, und die Brummis setzten sich langsam in Bewegung, um die Filialen im gesamten Landkreis mit dem nötigen Sortiment zu versorgen.

  Die Busse der Linie 205 fuhren in beide Ortseingänge ein und nahmen die ersten Berufspendler auf. Später würden die Schüler folgen, welche die weiterführenden Schulen in Erlangen und Höchstadt an der Aisch besuchten. Langsam erwachte das Dorf und stellte sich auf einen neuen Tag äußerster Betriebsamkeit ein.

  Etwa um das Jahr 1000 n. Chr. kamen die ersten Siedler auf der Suche nach Land in die waldreiche, hügelige Gegend. Sie rodeten Teile des Waldes und machten das Land urbar. Eine mühsame Arbeit. Weite Sumpfgebiete, welche auf den undurchlässigen Lettenschichten der Keuperstufe ruhten, ließen nur wenig ertragreiche Landwirtschaft zu. Im Laufe der Jahrhunderte kultivierten die Siedler die Sümpfe. So entstenden die vielen Weiherketten, welche auch heute noch der näheren Umgebung Röttenbachs ihren Charakter geben. Die Teiche liegen meist terrassenförmig an den flach abfallenden Hügeln. Der mannigfaltige Wechsel zwischen Sandsteinschichten und tonigen, wasserstauenden Schichten, das schwache Gefälle der Täler, die zahlreichen, zur Versumpfung neigenden Quellen und die für die Landwirtschaft nur bedingt tauglichen Böden waren für die Entwicklung und Erhaltung der Teichgebiete außerordentlich förderlich.

  Bereits Kaiser Karl der Große erließ die Anweisung: "Auf unseren Gütern soll jeder Amtmann die Fischteiche, soweit vorhanden, erhalten und wenn möglich erweitern. Wo sie fehlen, aber doch sein könnten, soll man sie neu anlegen."

  Es vergingen aber noch einige hundert Jahre, bevor Röttenbach 1421 erstmals als selbständige Seelsorgestelle urkundlich erwähnt wurde. Eine Linie der Truchseß von Pommersfelden nahm das Gebiet in Besitz und gründete Röttenbach.

  Heute ist Röttenbach ein stolzer Ort. Schuldenfrei, mit einem geordneten Haushalt. Rings um den alten Ortskern ließen sich im Lauf der Jahre die "Neigschmeggdn" nieder und errichteten ihre protzigen Wohnhäuser. Meist zugezogene "Siemensianer", die in der nahen Stadt Erlangen bei dem Großkonzern in Brot und Arbeit stehen.

  Mit jedem neu ausgewiesenen Baugebiet geht der Anteil der alteingesessenen Röttenbacher immer weiter zurück. Der aktuelle Telefonbucheintrag offenbart 41 Familien mit dem namen Müller. 39 Fuchs', 20 Amons, 15 Baumüllers, 14 Holzmanns, 11 Warters und 11 Wahls. Sie repräsentieren die Wurzeln der alteingesessenen Franken und sind der Garant für die Erhaltung der einheimischen Bräuche und Sprache.

  Die Masse der zugezogenen "Preußen" kommt über einige wenige Grundkenntnisse der weichen, mittelfränkischen Aussprache niemals hinaus, will aber überall mitreden. So wie Frau B.: "Also mein Sohn, in der Klasse 4, meint auch, dass die Lehrerschaft durchaus schneller durch den Stoff des Lehrplans gehen könnte. Mein Junge langweilt sich so, müssen Sie wissen. Er ist einfach unterfordert. Na ja, er konnte auch bereits lesen, bevor er eingeschult wurde. Mein Mann legte richtigerweise äußersten Wert auf eine frühe Vorschulerziehung. Ich weiß, das kann man von den Kindern der einheimischen Bevölkerung nicht gerade erwarten, aber ..."

  Herr L. stieß ins selbe Horn: "Ich meine durchaus, dass das Kindergartenpersonal mehr auf Recht und Ordnung achten sollte. Eine deutliche Ermahnung zur rechten Zeit hat noch keinem Kind geschadet. Ich für meine Person werde das unmögliche Benehmen mancher einheimischer Rotzlöffel jedenfalls nicht mehr akzeptieren. Es kann nicht angehen, dass ein unerzogener Junge meiner äußerst sensiblen Tochter regelmäßig Furcht einflößt, indem er ihr ständig lautstark ins Ohr rülpst. Und erst diese Fäkaliensprache! Unmöglich!"

  Frau S. schließlich zog vor drei Jahren zu und ist eine sehr ehrgeizige, junge Frau: "Höher meine Damen Sopranistinnen! Höher! Höher! Das war noch kein zweigestrichenes C! Das müssen wir nochmals üben!" Besonders die zweiundfünfzigjährige Hausfrau, Gerda Wahl, ging ihr oftmals auf den Geist. "Frau Wahl, denken Sie doch bitte an Ihre Aussprache! Es heißt nun mal nicht "Blummaschdogg", sondern "Blumenstock". Singen Sie doch einfach so, wie es im Textblatt geschrieben steht, und das "gell", am Ende des Satzes können Sie getrost weglassen! Das steht auch gar nicht da."

  Die persönlich Angesprochene nahm die Kritik, wie immer, nicht besonders Ernst. "Wenns maana!"

  Dennoch, die "Neigschmeggdn" und die Einheimischen kommen normalerweise gut miteinander aus. Was einerseits am Harmoniebedürfnis der Franken liegt und andererseits an der manchmal etwas diffizilen Kommunikation. Nicht immer verstehen die Zugezogenen, was die Einheimischen mit ihrer knappen, melodiösen Ausdrucksweise auf den Punkt bringen möchten. Zwar wirken Letztere oft spröde und brummig - wenn sie doch mal den Mund aufmachen - aber sie sprechen immer direkt an, was sie denken. Dies zwar manchmal eher deftig, aber dafür umso ehrlicher.

  "Mach mer a weng unser Dier zu, Herr Nachber!", ist eine durchaus höflich formulierte Bitte, die Tür zu schließen, wenn beispielsweise jemand eine Gaststätte betritt und die Tür offen stehen läßt.

  Streit mögen sie nicht, die Franken. Im Gegenteil, sie hassen Streit. Am liebsten wollen sie in Ruhe gelassen werden. Wehe aber, sie werden in ihrem Seelenfrieden gestört, oder gar gereizt. Dann ist es vorbei mit ihrem Harmoniebedürfnis. Sprüche wie "Mier ham fei nonedd midanander gschusserd!" sind ein eindeutiges Warnzeichen. Sie deuten darauf hin, sich nun besser zurückzuziehen, wenn man denn ernsthaften Ärger vermeiden möchte.

  Die rote Linie ist bereits weit überschritten, wenn sich der Franke zu Sätzen wie "Geh na her, Herr Nachber, diech haui ungschbidzd in Buudn nei", oder "Ward na Freindla, dier weri scho zeign, wu der Bardl n Mosd hulld" hinreißen lässt und dabei beginnt, seine Ärmel hochzukrempeln. Zu solchen Extremsituationen kommt es allerdings äußerst selten. Die Einheimischen sind, wie gesagt, ein harmoniebdürftiges Völkchen. Echte Röttenbacher sind wendig und altfränkisch beharrlich zugleich. Was ihnen völlig abgeht, ist eine euphorische Selbstdarstellung. Dieses "Mir-san-Mir" Getue, wie es weiter im Süden des Bayernlandes praktiziert wird, mag der Franke überhaupt nicht. Im Gegenteil, er stapelt tief, und sein Humor ist nicht feixend und Schenkel klopfend, sondern eher sarkastisch und trocken.- sofern er überhaupt einen Humor besitzt.

  Eine besondere Begabung haben die einheimischen Hausfrauen. Nicht nur dass sie, wie alle Frauen, gerne tratschen. Sie können sich stundenlang über nicht anwesende Nachbarn unterhalten:

    "Hasd dees scho midgrichd, Liesbed, dass dera Maicharedd iehr Hanni sei neis Audo zammgfoahrn had?". "Wunnern däds mi ned, su ofd wie der bsuffn is. Der versaufd doch sei ganz Geld. Jedn Samsdooch hoggder drobn im Ring-Café und saufd si an Rausch oo. Die Maicharedd kann an wergli leid do." "Ja, und dabei is su a anschdändiche Fraa. Die häld iehr Woar zamm." "Genau, und iehr Kinner kumma aa immer su sauber daher. Und freindli grießn denn die immer!" "Wuher wassnd na du dees, mid dem Unfall?" "Die ald Holzmanni hads mer gsachd. Die waaß doch immer alles, was im Dorf bassierd. Gnaus waaßi aa ned! Um Himmels Willn iech will do fei aa nix gsachd ham, mid dem Unfall. Abber kennd ja sei, dasser bsuffn woar, der Hanni. Mer waaß ja nix Genaus, gell. Mer red ja bloß."

  "Ach is dees schee do, bei uns, gell?" Die Röttenbacher lieben ihre Heimat. Kein Wunder, ihr schmuckes Dorf liegt inmitten des lieblichen Aischgrunds, der von dem Städtedreieck Nürnberg, Bamberg und Neustadt an der Aisch eingerahmt wird. Ein wahres Naturparadies, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Ein Rutsch quasi, und man erreicht die alte Kaiserstadt Nürnberg und Forchheim, das Eingangstor zur Fränkischen Schweiz. Sieben fränkische Bierkeller liegen in Reichweite. Mit dem Fahrrad oder gar zu Fuß bequem erreichbar. "Wassd du dees scho, dass aufm Kaiserkeller in Forchheim dees Schäuferla bloß vier Euro und vierzich Send kosd?" "Ja, und in der Frängischn Gasdstubn hamms jedn Donnersdooch an XXL-Schnidzldooch.Fier fimbf Euro sechzich grigsd a Schnidzl, su groß wie a Abborddeggl." Ja, das Preis-Leistungsverhältnis ist noch intakt, in der einheimischen Gegend. Man muss nur wissen wohin.

  Neben der Tirschenreuther Pfanne und der Lausitz ist der Aischgrund eines der bekanntesten Teichbaugebiete Deutschlands, mit einer Fläche von circa 3.500 ha und ungefähr 6.000 künstlich geschaffenen Fischteichen. Manche größer, manche winzig klein. Anderswo selten gewordene Pflanzen fühlen sich im Aischgrund immer noch wohl. Störche, Reiher, Kormorane, Rotmilane, Drossel- und Teichrohrsänger, Zwerg- und Schwarzhalstaucher genießen das reichhaltige Futterangebot in den Feuchtwiesen und in den zahllosen Fischteichen. Das Beste aber sind die Aischgründer Spiegelkarpfen, die in den Monaten mit "R" - also von September bis April - in Butterschmalz gebacken, oder "blau" gedünstet, auf die Teller der einheimischen Gaststätten kommen. Das wertvolle Eiweiß und die gesundheitsfördernden Omega-3 Fettsäuren spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle. Der ausgezeichnete Geschmack des Fisches, wenn er aus dem siedenden Butterschmalz gezogen wird, ist es, der die Einheimischen wie auch die Städter aus Erlangen, Fürth und Nürnberg an die Tische der zahlreichen Wirtshäuser lockt.

  Und auch sonst gibt es in Röttenbach fast alles: ein intaktes Vereinsleben mit großzügigen Freizeitangeboten, eine Vielzahl ortsansässiger Handwerks-betriebe, Geschäfte aller Art, Schulen, Ärzte, Kindergärten, diverse Gaststätten, Bäckereien, Metzgereien, ein Fitnesszentrum, eine Poststelle mit Videothek, einen Baumarkt, eine katholische und evangelische Gemeinde und vieles mehr. Nur eines gibt es nicht: einen Lebensmittel-Frischemarkt - und hier beginnt unsere Geschichte. Der frühere Einkaufs-Markt war zu klein, nicht mehr standesgemäß und nicht weiter ausbaufähig und wurde deshalb bereits vor Jahren geschlossen. Doch nun hieß es, die Gemeindeverwaltung verhandle ,mit einem interessierten Investor. Das würde sich aber noch hinziehen! Wer weiß, wie lange noch ... Gemäß dem Motto: "Alles gehd, bloß die Fresch hubf'n" übten sich die Röttenbacher, wie immer, weiterhin in Geduld.